Home  ›  Archiv  ›  Ist das Elternhaus zum Luxusgut geworden?

Ist das Elternhaus zum Luxusgut geworden?

Ich würde mich als konservativ bezeichnen. Wer weiss, vielleicht wäre ich in einer anderen Partei, wenn es nicht so wäre.

Hans Müller Vorstandsmitglied jedu Schweiz, Eglisau

Zu meinem konservativen Wesen gehören auch bescheidene, konservative Träume. Ein Traum könnte so aussehen: Eine eigene Familie mit Frau und Kindern in einem gemütlichen kleinen Häuschen mit etwas Umschwung für einen kleinen Garten und einer Garage für das Auto. Wie gesagt, ganz bescheiden eigentlich – aber ist es das? Was vor 50 Jahren noch mit einem normalen Einkommen ein realistisches Ziel war, ist heute für meine Generation kaum mehr vorstellbar. Das «Elternhaus» ist zum Luxusgut geworden. Wenn ich mit Freunden oder Bekannten über das Thema spreche, kommen bald die Themen Karriere, Erbschaft oder Verzweiflung hervor. Wenn ich hingegen mit Leuten spreche, die 50 Jahre älter sind als ich, höre ich Geschichten wie: «Ich habe einfach meinen Mut zusammengenommen und mir das Haus gekauft», mit Mitte 20.

Liegt es also doch an der verweichlichten Generation Z, die sich nicht mehr die Finger dreckig machen möchte und lieber nur noch 80% arbeitet? Bis jetzt waren meine Schilderungen rein anekdotisch. Werden wir also konkret. Möchte man sich heute ein Haus für 1.2 Mio. Franken kaufen – und das ist bei weitem keine Villa, je nachdem wo man sucht, kostet eine Eigentumswohnung so viel oder mehr – und 200‘000 CHF Eigenmittel aufbringen kann, so muss man zusätzlich ein Einkommen von mindestens 205‘000 CHF vorweisen können11.

Ich bin offen und ehrlich, ich verdiene nicht so viel. Na gut, ich bin erst 26 und habe noch etwas Zeit, das ist mir bewusst, aber dennoch bin ich mir nicht sicher, ob ich jemals 205‘000 CHF verdienen werde. Und wenn doch, verdiene ich sie zu dem Zeitpunkt, wo ich Kinder habe und ein Haus schön wäre? Wenn meine Frau und ich unsere Einkommen zusammenzählen, erfüllen wir die gestellten Bedingungen natürlich früher, vielleicht sogar zu einem vernünftigen Zeitpunkt.

Dann muss ich aber abwägen, ob ich den Wunsch, in einem Eigenheim zu leben, höher gewichte, als denjenigen, früh eine Familie zu gründen, ohne dass meine Frau einer Erwerbstätigkeit nachgehen muss.

Man merkt vielleicht, ich habe mir bereits den einen oder andren Gedanken zu diesem Thema gemacht und man könnte mir auch vorwerfen: «Du jammerst auf hohem Niveau! Schliesslich wohnst du in einem (noch) sicheren Land, uns geht es gut, du hast genug zu Essen und eine Anstellung.»

Ja, einverstanden. Aber trotzdem ist mir bewusst geworden, dass die klassische Familie, wo die Kinder im Elternhaus gross werden und von der Mutter umsorgt sind, ein Luxusgut geworden ist. Viele Leute können sich das so nicht mehr leisten und schicken ihre Kinder in die Kita, damit noch etwas dazu verdient wird. Mir ist bewusst, dass die Kinder nicht nur deswegen in die Kita gebracht werden. Viele Paare wollen heute, dass beide arbeiten, sei es der sozialen Kontakte oder der Karriere wegen.

Aber was wir momentan erleben, ist ein Wohlstandsverlust, der mich besonders beunruhigt. Ich finde es bedenklich, dass die Frage, ob meine Kinder von mir und meiner Frau oder extern erzogen werden sollen, nicht eine Frage der Selbstverwirklichung ist – möchten beide Karrieren machen oder nur er – sondern es ist vermehrt die Frage, ob man es sich leisten kann oder nicht. Die Forderung der Linken, dass Kitas bezahlbar sein müssen, verstehe ich daher vollkommen. Ich finde aber, dass das nicht die Lösung sein kann. Ich finde, es muss Politik betrieben werden, die es wieder bezahlbar macht, seine Kinder selbst in ihrem Elternhaus grosszuziehen. Wie das genau gelingen soll, weiss ich leider noch nicht.

Aber ich denke eine Schweiz, die nicht mehr als 10 Mio. Einwohner hat, ist schonmal ein Schritt in die richtige Richtung. Denn wo das Angebot klein ist und die Nachfrage hoch, da steigen die Preise.

Abschnitt für Desktop / Tablet

Zeitschrift „Standpunkt“

Veranstaltungen


  1. https://www.zkb.ch/de/private/hypotheken-immobilien/rechner-hilfsmittel/hypothekenrechner.html ↩︎